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Im Land der Kopfjäger auf den Solomonen
Autor: Kirsten Clahr - Mai 2006Die großen Kriegskanus waren am Bug mit einem Nguzunguzu (einem geschnitzten Holzkopf) dekoriert, der böse Wassergeister vom Boot fernhalten sollte. Hielt dieser einen Vogel in den Händen, kam das Kanu in Friedensmission, hielt er einen Kopf in den Händen, war die Mission alles andere als friedlich.
Skull Island in der Vona Vona Lagune ist einer der Plätze auf den Solomonen, der an diese Head Hunting Ausflüge erinnert: die Schädel mehrerer Stammesoberhäupter werden hier in den Nischen diverser Steinhaufen aufbewahrt. Bei dem ein oder anderen kann man noch die Einschläge der Äxte erkennen. Doch die rauhen Sitten und grausigen Gemetzel sind inzwischen Vergangenheit, heute gelten die Einwohner der Solomonen als die freundlichsten Menschen des Südpazifiks.
Ghizo Island
Gizo ist nach der Hauptstadt Honiara der zweitgrößte Ort im Lande. Das heißt aber nicht, dass hier die Hölle los ist. Ganz im Gegenteil: der kleine Ort ist äußerst gemütlich und zugleich idealer Ausgangspunkt für einige fantastische Tauchplätze. Danny und Kerrie von Dive Gizo sind bereits seit 21 Jahren hier, inzwischen Solomonische Staatsangehörige und Danny ist seit neuestem sogar Transport Minister. Wenn hier jemand die Tauchplätze wirklich kennt, dann die beiden und ihre Guides. Mit schnellen Booten geht es hinaus zu den ca. 25 abwechslungreichen Plätzen.
Einer der bekanntesten Spots ist die Tao Maru, ein japanisches Kriegsschiff, das zwischen 7 und 38 m Tiefe liegt. Hier wollen wir den ersten Tauchgang machen. Die Tao Maru war 1943 auf dem Weg von Rabaul in Papua Neuginea nach Guadalcanal, beladen mit Kriegsmaterial und Nachschub für die japanischen Truppen. Amerikanische Kampfflugzeuge haben verhindert, dass sie ihr Ziel erreicht hat. Das 136m lange Schiff ist ein Muss für Wrackfans: gut erhalten und inzwischen von Korallen überwuchert, findet man zahlreiche Gegenstände der Ladung: von Telefonen, Geschirr, Sake Flaschen, Munition bis hin zu Gläsern voller Kondome.
Nach diesem geschichtsträchtigen Tauchgang wählt Danny als nächstes eins der vielen fantastischen Riffe für den 2. Tauchgang. Doch zunächst wird eine der unzähligen kleinen Inseln mit weißen Sandstränden angesteuert: It´s lunchtime! Danny lässt es sich nicht nehmen, uns auf seine eigene kleine Insel Njari einzuladen. Hier wird uns auf offenem Feuer ein vorzügliches Mittagessen mit frischem Fisch, Gemüse und Reis zubereitet.
Fischsuppe also garantiert. Und tatsächlich tobt hier unten das Leben, einige graue Riffhaie kommen neugierig heran und verschwinden wieder im Blau, ein Schwarzspitzenhai patrolliert am Riff entlang, Fledermausfische lassen sich vor grossen Gorgonien putzen, Süsslippen stehen unter Überhängen, Barracudas kreisen im Blau, Langnasenbüschelbarsche verstecken sich und einige Napoleons lassen sich blicken.
In den nächsten Tagen lerne ich noch weitere der Plätze kennen. Die Korallengärten vor Kennedy Island sind in erstklassigem Zustand und ich freue mich über viele unterschiedliche Annemonen mit Clownfischen. Eine der Arten ist endemisch in Papua Neuguinea und den Solomonen: der weiße Haubenannemonenfisch (Amphiprion Leucokarnos).
Am Hot Spot ist wiederum Fischsuppe angesagt, und in der Nähe der Vona Vona Lagune bestaune ich einen komplett intakten amerikanischen Kampfflieger (Hellcat), der in nur 10 m Tiefe liegt.
Für kulturelle Abwechslung sorgt das Programm im Gizo Hotel: melanesische und mikronesische Gruppen führen ihre traditionellen Tänze auf. Ein gelungener Abschluss nach einem erlebnisreichen Tauchtag im Südpazifik.
MV Bilikiki
Und ich kann schon mal vorweg nehmen: ich wurde nicht enttäuscht! Eine Tauchexpedition auf der Bilikiki ist das Highlight eines Tauchurlaubs in diesem Inselreich.
Das Schiff bietet einfach alles, was zu einer luxuriösen, stressfreien Tauchsafari gehört: Tauchkomfort vom Feinsten. Die 11 köpfige einheimische Crew ist bestens aufeinander eingespielt, einige der Crewmitglieder sind schon seit den Anfängen der Bilikiki Cruises mit von der Partie, d.h. seit 18 Jahren! Zusätzlich kümmern sich die beiden Manager Michelle und Monty hervorragend um ihre Gäste und versuchen, alle Wünsche zu erfüllen.
Nachdem am 1. Tag alle Gäste ihre Ausrüstungen montiert haben und das Sicherheitsbriefing stattgefunden hat, fallen alle totmüde in ihre Betten. 6 Stunden dauert die Überfahrt bei ruhiger See zu den Russel Islands, wo am nächsten Morgen um 08.00h der erste Tauchgang stattfindet. Das Tauchprogramm auf der Bilikiki hat es in sich: 5 Tauchgänge am Tag lassen nicht viel Zeit für andere Aktivitäten. Nach dem ersten Tauchgang am Morgen findet um 11.00h der nächste statt, nach dem Mittagessen um 14.00 der dritte, um 17.00h der vierte und wer dann noch nicht genug hat, kann nach dem Abendessen um 20.00h noch für einen Nachttauchgang ins 30°C warme Nass hüpfen.
Snacks wie Obst oder frischgebackene Kekse zwischen den Tauchgängen sowie die 3 vorzüglichen Mahlzeiten sorgen für das leibliche Wohl. Ein besonderer Luxus auf der Bilikiki ist der permanente Shuttle Service mit den Alutauchbooten (genannt tinnies) zwischen den Tauchplätzen und dem Mutterschiff. Wann und wo auch immer ein Taucher den Kopf an die Oberfläche steckt, erscheint sofort das Boot und transferiert ihn zurück. Das bedeutet: keine langen Wartezeiten an der Oberfläche und keine Tauchzeitbegrenzung!
Mein Favorit auf der 7 tägigen Tour ist ohne Zweifel Mary Island. Diese Vulkaninsel liegt isoliert im Pazifik zwischen den Russel Islands der Central Province und der Marovo Lagoon in der Western Province. Weit ab von bewohnten Inseln ist der Fischreichtum grandios.
Schon beim Abtauchen versinkt man im ersten Makrelenschwarm, mehrere Napoleons in verschiedenen Größen erscheinen, ein großer Barracudaschwarm formiert sich, einzelne große Barracudas reihen sich ein, Hunderte von Makrelen bilden einen Kreis, graue Riffhaie, Weißspitzenriffhaie und Tunas sind zwischendurch auszumachen.
Am Riff in den Annemonen finden sich neben den Clownfischen auch Porzellankrabben und andere kleine Shrimps. Nur gut, dass die Bilikiki sich den ganzen Tag hier aufhält, es wird auch nach dem 3. und 4. Tauchgang nicht langweilig!
David aus Amerika hat sich vorsorglich mit einem Stock bewaffnet. Doch das urzeitliche Erfolgsmodell will sich heute nicht blicken lassen. Ist vielleicht auch gar nicht so schlimm! Die winzigen Einsiedlerkrebse, die sich in Korallen versteckt haben, sind auch ein sehr gutes Fotomotiv und weitaus weniger gefährlich.
Die 7 Tage gehen viel zu schnell vorbei. Am letzten Tag steht Popcornweitwurf auf dem Programm: kurz bevor die Bilikiki eine schmale Passage der Florida Islands erreicht, passieren wir ein paar Dörfer. Die Crew hat kleine Popcorntüten präpariert, die wir nun den Leuten, die uns mit ihren Einbäumen folgen, zuwerfen. Applaus gibt es für einige geschickte Kanuten, die elegant die Tüten mit ihrem Paddel aus dem Wasser in den Einbaum befördern.
Der Spassfaktor sowohl bei den Tauchgästen als auch den Insulanern ist hoch.
Dann windet sich die Bilikiki durch einen schmalen Kanal zwischen zwei Inseln, die mit dichtem Regenwald bedeckt sind. Die Crew läd zu Sekt auf dem Sonnendeck ein und wir geniessen die Sunset Cruise an unserem letzten Abend an Bord.
Uepie Island Resort, Marovo Lagoon
Erster Empfang am Welcome Jetty: mehrere Flossen von Schwarzspitzenriffhaien durchschneiden die Wasseroberfläche. Die eleganten Schwimmer patrollieren an der Riffkante. Ich werde in den nächsten Tagen noch häufiger in näheren Kontakt mit ca. 20 Exemplaren treten. So ausgiebig, dass mich Tauchguide Robert mit dem Namen Shark Lady betitelt.
Doch zunächst werde ich von den Besitzern des kleinen Paradieses begrüßt: Jill und Grant begleiten mich zu meinem Bungalow, der im tropischen Garten steht, eingerahmt von Kokospalmen, Urwaldriesen, Hibiscuspflanzen und Unmengen verschiedenster Orchideen. Von der Veranda blicke ich sowohl auf den Strand und die Lagune (30 Schritte bis zum Wasser) als auch auf der anderen Seite auf den New Georgia Sound: den Slot. Hier befindet sich das Aussenriff, das steil bis auf 2000 m abfällt.
Andere Bungalows stehen dirket am Meer, d.h. ca. 5 Schritte bis ins Wasser! Die Anlage ist einfach. Jill bringt es auf den Punkt: wir sind ein Null Sterne Resort in einer 5 Sterne Umgebung. Der Luxus von Uepi liegt eben in der üppigen Natur und den sehr guten Tauchplätzen.
Robert und Peter, 2 der Tauchguides, bringen mich mit dem Boot um die Ecke zum Slot. Hier springen wir direkt an der steil abfallenden Wand ins Wasser und lassen uns mit der leichten Strömung Richtung Kanaleingang treiben. Am Point zieht es dann heftig und wir haken uns auf 30m auf dem kleinen Plateau ein.
In den nächsten Minuten beobachten wir das Geschehen: ein Makrelenschwarm steht in der Strömung, ein paar graue Riffhaie kommen neugierig heran, ein Weißspitzenriffhai kommt zum Greifen nah. Plötzlich ist Hektik angesagt. Die Haie tauchen blitzschnell ins Blau ab. Ich frage mich, was da los ist. Wie aus dem Nichts erscheinen sie wieder und schwimmen Richtung Wasseroberfläche.
Und dann sehe ich, dass dort einige Delfine einen Fischschwarm jagen und die Haie wollen auch etwas von dem Leckerbissen ergattern. Was für eine Show. Der Computer mahnt, mich langsam in flachere Gewässer zu begeben und wir treiben mit der Strömung in den Kanal Richtung Tauchbasis. Ich fliege vorbei an Peitschenkorallen und Gorgonien. Doch dann werden wir langsamer und ich kann mich auf weitere Entdeckungen konzentrieren.
Auf den Peitschenkorallen finde ich winzige Shrimps, ein schwarz-weißer Krokodilfisch liegt gelassen auf einem Korallenbrocken, eine kleine Schildkröte verschwindet, als ich näher komme. Als ich mich in einem Fischschwarm befinde, weiss ich, dass ich mich nun wieder beim Steg der Tauchbasis befinde, denn der Schwarm treibt sich hier immer herum.
Ich habe noch Luft in meiner Flasche. Also, nichts wie rüber zum Welcome Jetty, Haie gucken. Ich hocke mich auf 7m unter den Steg und warte ab. Die Haie sind sofort da. Aus dem Kanal erscheinen immer mehr graue Riffhaie, die Schwarzspitzenriffhaie drehen ihre Runden im Flachwasser. Oben wirft Robert ein paar Fischreste ins Wasser. Was jetzt los ist, kann man sich vorstellen! Genau über mir streiten sich 6 Haie um den kleinen Brocken, die restlichen Gesellen schwimmen nervös hin und her, und ich mittendrin. „Cool“ finden das die drei Kinder eines australischen Ehepaares, die hier Bade- und Schnorchelferien verbringen und das Geschehen vom Steg aus beobachten.
Wir planen am Abend die weiteren Tauchtage. Mein Wunsch nach Pygmäenseepferdchen wird gleich am nächsten Tag erfüllt. Welch ein Glück: die Gorgonie mit dem Paar Hippocampus denise befindet sich in nur 15 Metern Tiefe – so kann man in aller Ruhe seine Fotos schießen, ohne auf die Nullzeit achten zu müssen.
Jill schlägt einen Tagesausflug mit äußerst abwechslungsreichem Programm vor. Zunächst wird das Wrack eines Fischerbootes betaucht. Das Besondere: es liegt senkrecht am Riff. Der Bug reicht bis 50 cm unter die Wasseroberfläche, das Heck steckt auf 38 Metern im Sand. Ein seltsamer Anblick.
Anschließend bewundern wir die tollen Hartkorallenformationen am Penguin Reef. Nach der Mittagspause wollen wir im Babata Sinkhole tauchen. Direkt an der Felswand einer Insel lassen wir uns hinab sinken. Die Sicht ist grausam schlecht, bestimmt nur 2 Meter! Das ändert sich plötzlich: wir tauchen durch den schmalen Canyon zum Aussenriff und schauen ins tiefe Blau.
„ Sorry tumas for lookim yu behind“ - mit diesem Gruß in Pidgin Englisch werde ich von der Uepi Gemeinschaft verabschiedet. Nach so schönen Erlebnissen und viel Gastfreundschaft fällt der Abschied nicht leicht.
Wer auf den Solomonen umherfliegt, muss mit einigen Unwägbarkeiten rechnen. Die Flughäfen sind eigentlich keine. Die meisten Landebahnen sind in den Dschungel geschlagene Schneisen oder übrige gebliebene Airstrips aus dem 2. Weltkrieg.
Das bedeutet: nach starken Regenfällen keine Landung möglich! Manchmal ist auch der Pilot unpäßlich, oder die Maschine überbucht oder bereits mit Fracht voll beladen.
Fazit: wer auf den Solomonen unterwegs ist, muss Zeit und Geduld mitbringen. Es ist an der Tagesordnung, dass Flüge nicht wie geplant angetreten werden können und man muss damit rechnen, ein oder zwei Tage später zu fliegen. Zeit erhält hier eine andere Dimension. Dennoch: es ist ein Privileg, dieses entlegene Gebiet zu betauchen. Wer die vielen überfüllten Tauchplätze des Roten Meeres kennt, wird diese Einsamkeit und Ruhe zu schätzen wissen. Hier wird man für die lange Anreise und die unzuverlässigen Inlandsflüge allemal entschädigt.
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